Dana László da Costa – fabelhafte Welten

Cuéntame tu, Material/Technik: Reine Wolle/ Tufting Entstehungsjahr: 2021, 80 x 120 cm

"Ich sticke mit einer sehr alten Stickmaschine, die fast 100 Jahre alt ist."

Katrin: Hallo Dana, schön, dass wir uns sehen. Wir haben uns ja schon einmal in Leipzig kennengelernt. Das war toll! Du studierst an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule in Halle, richtig?

Dana: Genau, ich studiere dort Textile Künste und bin schon relativ am Ende des Studiums. Ich schreibe jetzt auch meine Diplomarbeit.

K: Du arbeitest also mit Textilien. Die Technik, mit der du hauptsächlich arbeitetest, nennt sich Tufting. Wie kamst du dazu und wie funktioniert das?

D: Ich habe so viel ausprobiert in den letzten Jahren während des Studiums und habe dadurch gemerkt, dass das Textile für mich eine enorme Rolle spielt und ich mich damit sehr wohl fühle. Vor ca. 2 Jahren habe ich mit dem Tuftig begonnen. Es ist eine Technik, bei der man eine Leinwand spannt und mit der Tuftingmaschine die Wolle quasi in die Leinwand schießt. Die Maschine sieht auch aus wie eine Pistole. Es ist eine bestimmte Technik, um Teppiche zu machen, funktioniert aber ganz anders als das klassische Weben. Es ist ein anderer, schnellerer Kreationsprozess, daher muss man beim Tufting auch schnell regieren.

K: Neben dem Tufting stickst du auch. Deine Serie „Fabelhafte Fabeln“ ist zum Beispiel gestickt.

D: Richtig. Ich sticke mit einer sehr alten Stickmaschine, die fast 100 Jahre alt ist. Mit den modernen Stickmaschinen kann man nicht so frei sticken. Da muss man vorher den Entwurf am Computer erstellen und dann wird dieser von der Maschine gestickt.

"Die Imagination geht bei jedem Einzelnen andere Wege. Das möchte ich mit meinen Stickereien erzielen. Sie sind wie kleine Fabeln, mit denen jede Betrachter:in seine eigene Reise macht. Eine Reise in eine fabelhafte Welt."

Fabelhafte Fabel 23, Material/Technik: Stickseide auf Baumwolle Entstehungsjahr: 2021, 25 x 25 cm

"In Brasilien bin ich mitten in der Natur aufgewachsen. Da gab es keine richtige Zivilisation. Es gab nur meine Familie und Wälder, Wälder, Wälder."

K: Oh spannend, das wusste ich nicht! Fabeln sind lehrhafte Erzählungen, in der Tiere nach menschlichen Verhaltensweisen handeln. Inwiefern passt die Bedeutung der Fabel zu deinen Arbeiten?

D: Eine gute Frage. Wenn jemand uns beiden eine Fabel erzählen würde, würde jeder von uns andere Bilder im Kopf dazu erschaffen. Die Imagination geht bei jedem Einzelnen andere Wege. Das möchte ich mit meinen Stickereien erzielen. Sie sind wie kleine Fabeln, mit denen jeder Betrachter seine eigene Reise macht. Eine Reise in eine fabelhafte Welt.

K: Die Farben, die du wählst, sind auch Erdtöne, fast Herbstfarben. Wenn man von einer gewissen Entfernung auf sie schaut, kann man Elemente aus der Natur erkennen – Fasern, Rinde oder Flüsse. Erst wenn man näher kommt, erkennt man die eigentliche Sticktechnik. Dann taucht man richtig ein und versteht, wie alles zusammenhängt. Es scheint, als seien deine Stickereien sehr stark von der Natur inspiriert.

D: Ja, auf jeden Fall! Die Natur spielt für mich eine sehr wichtige Rolle. Alles was ich mache, ist davon inspiriert und ich fühle mich sehr mit der Natur verbunden. Ich glaube, das kommt aus meiner Kindheit. In Brasilien bin ich mitten in der Natur aufgewachsen. Da gab es keine richtige Zivilisation. Es gab nur meine Familie und Wälder, Wälder, Wälder. Noch nicht mal Nachbarn. Ich glaube, wenn man so aufwächst, hat man automatisch eine enge Verbindung dazu. Gerade zu den Farben. Schön, dass du das auch in meinen Arbeiten erkennst.

Fabelhafte Fabel 6, Material/Technik: Stickseide auf Baumwolle Entstehungsjahr: 2021, 25 x 25 cm

K: Bist du von den deutschen Wäldern genauso inspiriert wie von den brasilianischen bunten Landschaften?

D: Total, da sehe ich keine Grenzen, die Natur ist eine große Einheit und inspiriert mich egal wo ich bin. Hier in Europa und Deutschland fällt mir trotzdem auf, wie anders die Wälder sind – die Farbenvielfalt ist geringer. In Brasilien gibt es viele bunte Insekten, bunte Vögel und ausgefallene Pflanzen. Es ist dort so bunt, dass es einen manchmal fast überfordert.

K: Wie oft bist du in Brasilien?

D: Ich war 4 Jahre nicht da, aber diese Woche fliege ich hin.

K: Toll! Viel Spaß in den bunten Landschaften und beim Inspirationen Sammeln. Ich habe gesehen, dass du auch schon mit Seide gearbeitet hast.

D: Genau, weil ich viel mit Naturfarbstoff arbeite und färbe. Seide bietet sich total gut dafür an, weil das Material die Farbe so gut aufnimmt, bei Wolle ist es genauso. Seide ist einfach ein großartiges Material. Leicht und glänzend. Was mich daran so fasziniert und interessiert ist vor allem die Leichtigkeit. Seide ist so leicht wie der Wind, – man bewegt sich nur minimal im Raum und die Seide merkt das sofort und reagiert auf die Bewegung. Ich mag diese Sensibilität auch im Kontrast zu einer Tufting-Arbeit aus Wolle.

"Das Textile muss keine richtige Aufgabe oder Funktion erfüllen oder nur ein Handwerk sein. Es ist Kunst oder einfach ein Mittel, um Kunst zu schaffen."

K: Wolle reflektiert auch kein Licht, Seide schon. Die Wolle ist eher starr, obwohl sie aus so vielen kleinen Teilen besteht, aber die verbinden sich dann anders miteinander und werden zu einer großen Einheit. Wenn man eine Tufting-Arbeit von dir kauft und sie an die Wand hängt, muss man auf irgendwas achten? Muss man sie saugen? (lacht)

D: Eigentlich nicht. Es erscheint vielleicht erst ungewöhnlich, aber es ist total einfach und unkompliziert. Vielleicht muss man sie nach 5 Jahren mal schütteln. (lacht)

K: Teppiche wecken ja auch bestimmte Assoziationen – fliegende Teppiche oder zum Beispiel das zu Hause der Oma mit einem riesigen muffigen, großen Teppich im Wohnzimmer. Ein Teppich erdet ein bisschen und schafft Gemütlichkeit. Wie ist deine persönliche Verbindung zu Teppichen?

D: Ich glaube, über Teppiche habe ich noch nie konkret nachgedacht. Ich bin ganz frei davon. Ich finde das Wort „Teppich“ auch nicht so passend für meine Arbeiten. Ich frage mich auch oft, ob ich überhaupt sagen soll, dass ich Teppiche mache. Ich möchte mit meinen Arbeiten auf jeden Fall etwas anderes kreieren. Das Textile muss keine richtige Aufgabe oder Funktion erfüllen oder nur ein Handwerk sein. Es ist Kunst oder einfach ein Mittel, um Kunst zu schaffen.

K: Es ist dein Medium. Du bist von Seide zu Wolle, welche Textilien interessieren dich noch? Wie kommst du zu neuen Materialien?

D: Das passiert spontan, unerwartet und sehr fließend. Es ist nicht wie bei einer Modekollektion, bei der man denkt, man müsse etwas komplett Neues machen, weil man einen Stil schon zu lange verfolgt. Es basiert viel auf Begegnungen. Ich tausche mich mit Leuten aus und direkt oder indirekt bringen diese mich zu neuen Wegen. Ich lege total viel Wert auf solche Begegnungen und bin dankbar für den Austausch, dadurch komme ich auf neue Ideen und auch zu neuen Materialien. Ich habe großes Interesse daran, Neues auszuprobieren. Manchmal klappt es gut, manchmal nicht.

K: Habt ihr in der Uni auch bestimmte Kurse? Sucht man frei aus, mit oder an was man arbeiten möchte?

D: Am Anfang des Studiums musste man bestimmte Leistungsscheine machen. Dadurch bin ich in Kontakt mit sehr vielen Medien gekommen und hatte am Ende viel mehr Scheine, als ich brauchte. Ein Jahr war ich in einer Klasse, in der es um Neue Medien, insbesondere Film und Sound ging. Da habe ich gemerkt, dass das nichts für mich ist. Es war aber super gut das auszuprobieren, denn es hat mich darin bestätigt, dass das Textile und die Arbeit mit meinen Händen genau das ist, was ich machen möchte. Es ist toll, dass wir hier an der Burg die Möglichkeit haben, mit vielen verschiedenen Sachen in Berührung zu kommen und in verschiedenen Werkstätten arbeiten können.

K: Wenn du in der Natur bist, nimmst du auch gezielt Dinge mit – Wurzeln, Rinde, Steine?

D: Ja, ich nehme immer etwas mit. Ich schaue mich gerade hier in meinen Zimmer um und sehe überall Steine und Holzstücke. In jeder Ecke ist etwas aus der Natur. Immer wenn ich was aus meiner Tasche holen möchte, finde ich Steine, eine Nuss oder Blätter (lacht). Auch von Reisen nehme ich immer etwas mit, meistens einen Stein. Darin ist etwas von meiner Reise gespeichert. Die Energie und die Erinnerung. Erinnerungen sind für mich sehr bedeutend. Nicht auf eine melancholische Art, sondern sie spiegeln eher das pure Leben wieder.

K: Aktuell gibt es 28 Werke deiner „Fabelhaften Fabeln“ – die Serie wächst aber noch, richtig?

D: Solange es etwas zu erzählen gibt, wird sie wachsen, ja.

K: Dann sind deine Fabeln ein bisschen wie die Steine, die du sammelst. Sie kommen an einen anderen Ort und haben einen Teil von dir in sich, mit dem sie auf eine Reise gehen, um dann bei anderen Leuten und Orten anzukommen.

D: Absolut. Ich merke auch, dass ich zu jeder einzelnen Arbeit eine sehr enge Verbindung habe, dadurch dass das Sticken sehr intensiv und zeitaufwendig ist. Manchmal kommt mir dann eine bestimmte Arbeit in den Sinn und ich denke: „Mit dem Wind schicke ich dir liebe Grüße“.

"Ich kann nicht Joggen gehen, weil ich bei jedem Blatt auf dem Boden denke „Wow, das ist ein tolles Bild!“."

K: Die kommen bestimmt an! Wir haben ja schon darüber gesprochen, dass jeder seinen individuellen Blick auf die Fabeln hat, das war bestimmt spannend, bei der Ausstellung in Leipzig einen direkten Austausch zu haben, oder? Gab es irgendetwas Skurriles, Überraschendes, Spannendes, was die Leute in den Arbeiten entdeckt haben?

D: Eine gute Freundin von mir, die auch bei der Ausstellung war, meinte zu einer der Fabeln, dass sie aussähe wie ein Selbstporträt. Sie hat mich sitzend beim Sticken darin erkannt. Durch eine runde Form sah es so aus wie ein nach vorne gebeugter Rücken. Beim Sticken sitzt man leider oft etwas gekrümmt. Bei dieser Arbeit haben neben meiner Freundin auch viele andere eine Person erkannt. Seitdem muss ich immer ein bisschen schmunzeln, wenn ich sie sehe.

K: Das ist auch das Spannende, wenn man mit Formen und Strukturen arbeitet, das Auge sucht unterbewusst nach etwas, was es erkennt oder zuordnen kann und findet auch oft etwas. Auch wenn du nichts Konkretes darstellst. Wie schön, dass sie gerade dich in deinen Arbeiten gefunden haben, ohne dass das dein Ziel war.

D: Ja, das ist lustig, vor allem weil wir auch manchmal zusammen sticken und ich sie oft daran erinnere, gerade zu sitzen. Bei einer anderen Fabel habe ich beim Sticken viel an eine Reise nach Mexiko gedacht, die ich 2019 gemacht habe. Bei der Ausstellung kam ich mit einer Frau ins Gespräch, die meinte, es erinnere sie total an eine mexikanische Landschaft. Das war auch toll.

K: Wie schön! Hast du diese Art von Austausch, auch wenn du ein Bild über Studierenden Kunstmarkt verkaufst? Schicken dir die Leute vielleicht ein Foto, wie dein Werk bei ihnen an der Wand hängt?

D: Das ist unterschiedlich und ich überlasse das den Personen selbst. Die meisten Arbeiten, die ich über Studierenden Kunstmarkt verkaufe, führen aber auch zu einem Kontakt über den Kauf hinaus. Das ist sehr schön. Gerade bei den gestickten Arbeiten merke ich, dass sie emotional sehr eng mit mir verbunden sind und dann freut es mich umso mehr zu sehen, wo sie jetzt sind. Bei unterschiedlichen Orten und Menschen – sie haben ein neues zu Hause.

K: Das klingt großartig. Die fabelhaften Fabeln an fabelhaften Orten. Wie und Wo arbeitest du an deinen Werken zu Hause oder in einem Atelier?

D: Ich arbeite, wenn ich sticke im Atelier bzw. in der Stickerei. Ansonsten teile ich mir ein Atelier mit anderen Studierenden aus meiner Klasse. Aber ich mag es auch, direkt in der Natur zu arbeiten, um Gedanken aufzuschreiben. Es kann auch eine unbewusste Arbeit sein, wenn ich einfach draußen in der Natur bin und zum Beispiel Bäume umarme. (lacht) Das ist auch ein großer Teil davon und wichtig für Inspiration. Ich liebe es in der Natur zu sein und mir die Farbkombinationen anzuschauen. Gerade im Herbst. Ich kann nicht Joggen gehen, weil ich bei jedem Blatt auf dem Boden denke „Wow, das ist ein tolles Bild!“.

K: Das sieht bestimmt lustig aus, wenn du joggen gehst! Bestimmt inspirierst du dadurch auch viele andere mit offeneren Augen durch die Natur zu laufen. Liebe Dana, danke für das tolle Gespräch!

Alle Werke von Dana findet ihr hier.

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