Tom Gully – Malen im Moment

Tom Gully zu erwischen ist gar nicht so einfach, immer unterwegs und nebenbei am arbeiten. Pausen gibt es selten und es ist immer was los. Unser Künstler des Monats überzeugt mit lebendigen Malereien, die genau diese Bewegung widerspiegeln. Für uns hat er sich heute ein wenig Zeit geschaufelt, um uns einen Einblick in seine Kunst und seine Arbeitsweise zu verschaffen.

Tom Gully

L: Hallo Tom, schön, dass du dir Zeit genommen hast! Du bist der Studierenden Kunstmarkt Künstler des Monats. Herzlichen Glückwunsch!

Aktuell studierst du an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Bonn. 

Möchtest du vielleicht einen kurzen Einblick geben, mit was du dich aktuell gerade beschäftigst?

T: In den letzten Monaten haben wir ein Künstlerkollektiv „Kabinett West“ gegründet in Köln mit Studierenden aus meiner Uni aber auch externen Künstlern und da haben wir jetzt Ende des Monats unsere erste Ausstellung. Und das ist quasi eine Plattform die wir erstellt haben wo in Zukunft immer andere Künstler mitwirken und sich einbringen können, aber nicht nur Künstler sondern zum Beispiel auch DJs oder Schauspieler, auf der Basis einer Coworkerschaft. Das ist total schön, den Leuten so etwas zu ermöglichen aber natürlich auch Leute kennen zu lernen. Das ist gerade ganz viel Thema und in Hinblick auf die Ausstellung gibt es natürlich auch viel zu tun und wir stecken viel Arbeit in das Projekt.

L: Mit welchen Materialen und Techniken arbeitest du am liebsten?

T: Ich arbeite hauptsächlich mit Acryl, aber insgesamt sehr vielfältig. Ich gebe meine Werke immer als Mixed Media an, weil ich die Materialien nehme, die halt gerade da sind und was ich gerade in der Hand habe. Im Moment arbeite ich zum Beispiel mit Grobsand, ein Acryl-Sandgemisch was ich auf die Leinwand auftrage, damit diese ein Relief bekommt und durch die 3D Wirkung mehr Tiefe erzeugt.

L: Arbeitest du im Atelier oder z. B. auch „en plein air“?

T: Ich arbeite hauptsächlich im Atelier, ich habe auch zwei Ateliers, ein großes in der Uni und eines auf dem Grundstück meiner Eltern. In der Uni ist es ein Gruppenatelier und da bin ich, wenn ich Lust habe mit Leuten zusammen zu arbeiten, aber wenn ich meine Ruhe und keinen Austausch brauche gehe ich in das andere Atelier und male dort.

"Frau Im Regen"

L: Ich frage Künstler:innen oft von wem sie inspiriert sind und sich Ideen holen. Natürlich ist mir bei einigen Bildern ein Einfluss von Basquiat aufgefallen. Welche Bedeutung hat er für dich?

T: Genau, Basquiat ist mein Hauptidol – natürlich – allerdings auch andere Künstler wie zum Beispiel Dalí sind mir sehr wichtig. Ich habe mein Leben lang Musik gemacht, viel in Bands gespielt und Musik ist auch auf jeden Fall eine sehr, sehr große Leidenschaft von mir und irgendwann bin ich dann über die Musik auf die Kunst im Malerischen aufmerksam geworden. Ich habe mich damit viel auseinandergesetzt und bin dann auch ziemlich schnell auf Basquiat gestoßen, der hat mich vom ersten Moment an total fasziniert und ist auch mein absoluter Lieblingskünstler.

Tom vor Werken von Basquiat

L: Basquiat hat sich damals bewusst abgesetzt von der Graffiti Szene , da diese oft abwertend bezeichnet wurde. Als Schwarzer Mann, wollte er nicht direkt in eine sehr kriminalisierte Branche eingeordnet werden. Würdest du sagen, deine Bilder bewegen sich in der Graffiti Szene? Oder ziehst du da auch eine Grenze?

T: Ich mach mir da eigentlich keine Gedanken drum, jeder soll machen und denken was er für richtig hält. Ich nutze auf jedenfall Sprühfarbe in meiner Arbeit, aber auch nicht nur, deswegen würde ich das nicht speziell in die Grafittiszene einordnen, vielleicht gibt es ein paar Einflüsse aber hat jetzt auch nicht so krass viel damit zutun.

"Ich arbeite intuitiv aus dem Moment heraus"

L: Arbeitest du selbst auch als Graffiti-Künstler?

T: Ne, ich bin nicht in der Graffitiszene tätig.

L: Graffiti wird oft von der Kunstszene irgendwie abgegrenzt, da man die Bilder ja nicht „erwerben“ kann. Findest du diese Trennung wichtig, oder ist es eher etwas das dich stört?

T: Ich finde die Graffitiszene eine interessante Szene. Es hängt natürlich alles mit Geschmack zusammen. Es ist nicht das klassische, ich mache ein Kunstwerk und das wird dann an die Wand gehängt oder steht im Museum und das wiederum finde ich hat auch seinen Charme.

L: SAMO „same old shit“, ein „Tag“ das Basquiat in seinen frühen Jahren oft nutzte, für Schwarze Menschen ein Ausdruck für den nie endenden Rassismus dem sie ausgesetzt sind. In deinen Bildern finde ich Wörter wie „Taste“, „Creep“, „Poison“, „Love“, „Fuck off“, „show no mercy“. Wie kommen diese Wörter zu dir und was bedeuten sie für dich ganz persönlich?

T: Das ist sehr unterschiedlich. Ich arbeite intuitiv aus dem Moment heraus was gerade in meinem Kopf vorgeht und manchmal entstehen dadurch auch Eingebungen, die ich dann aufschreibe, aber manchmal sind die natürlich auch gesetzt also wenn ich z. B. etwas Spezielles verarbeite das passiert ist. In meinen aktuelleren Arbeiten sind aber fast keine Wörter enthalten.

 

"Ich habe immer eine Wassersprühflasche in der einen und Pinsel in der anderen Hand. "

L: Wie wählst du deine Bildmotive aus? Hast du immer ein bestimmtes Ziel vor Augen oder ist das eher eine Gefühlssache?

T: Ich arbeite sehr wenig mit Motiven oder vorgefertigten Ideen, ich arbeite eher intuitiv und erlebe mich quasi in dem Moment. Das ist so mein Ding.

L: Die Farben, die du nutzt, sind zumindest in der letzten Zeit teilweise eher düster, haben dann aber auch ein paar knallige Elemente, bewegen sich aber insgesamt eher im Bereich „gebrochener“ Farben. Ich würde vermuten, das kommt durch das direkte Anmischen auf der Leinwand? Hältst du die Farben bewusst in einem bestimmten Bereich? Oder welche Bedeutung hat es für dich, dass diese in den letzten Wochen etwas weniger bunt geworden sind?

T: Ich würde alles im Bereich der expressiven Malerei einordnen, genau, ich mische meistens direkt auf der Leinwand und ich arbeite auch sehr wässrig, meistens mit Verläufen. Ich habe immer eine kleine Wassersprühflasche in der einen und den Pinsel in der anderen Hand. Und ich arbeite sowohl an der Wand, als auch am Boden und meistens an mehreren Bildern gleichzeitig, das bedeutet, wenn die Einen grad trocknen, mal ich an den Anderen weiter und kann somit auch relativ schnell arbeiten.

"Der Heiligenschein hat für mich immer etwas mit dem Tod zutun (...) und ist ein Symbol des Übergangs."

 

L: Wer sind die Personen, die du portraitierst? Oder entstehen diese eher im Kopf?

T: Die Personen sind teilweise meine Familie und teilweise Leute die ich kenne.

L: Mir ist aufgefallen, dass du manchmal den für die Graffiti Szene typischen Heiligenschein nutzt (Basquiat nutze ja z. B. die Krone). Ein Zeichen von Respekt und Aufmerksamkeit. Sind diese dann über bestimmten Personen, die dir besonders viel bedeuten?

T: Ne, der Heiligenschein hat für mich jetzt in dem Sinne nicht diese Bedeutung, ich versuche natürlich auch Symbole zu verwenden die sich immer wieder ergeben. Der Heiligenschein hat für mich immer eher etwas mit Tod zu tun. Zum Beispiel habe ich auch ein Potrait von meinem verstorbenen Opa gemalt und das ist für mich immer ein Symbol des Übergangs vom Lebendigen ins Tote.

 

"Obey"

"Ich versuche immer abstrakter zu werden aber bin auch noch nicht da angekommen, wo ich eigentlich hin will."

L: Würdest du persönlich deinen künstlerischen Stil als Neoexpressionismus bezeichnen? Oder: Wie würdest du deinen Stil bezeichnen?

T: (Lacht) Ja das ist eine gute Frage. Ich würde auf jeden Fall bejahen, dass man es dem Neoexpressionismus zuordnen könnte, allerdings sage ich eigentlich immer es ist im Bereich des Abstrakten, figürliche Einflüsse, gegenständlich…irgendwie so in die Richtung, aber ich lege mich auch noch nicht so deutlich fest. Es ist vielseitig, ich versuche immer abstrakter zu werden, aber bin auch noch nicht da angekommen, wo ich eigentlich hin will.

L: „Leben auf der Straße“ – ein zweiteiliges Bild, dass du auch bei der Ausstellung in Leipzig gezeigt hast, ist mir besonders im Kopf geblieben. Kannst du dazu vielleicht etwas erzählen? Z. B. wie der Titel entstanden ist?

T: Das Bild „Leben auf der Straße“ ist eins der neueren Bilder, das ich auf mehreren Leinwänden geschaffen habe. Das fand ich eine ganz interessante Idee und habe auch vor, das in Zukunft zu erweitern. Und das Bild ist tatsächlich aus einem Polaroid entstanden, von zwei Kindern, die auf der Straße gespielt haben und diese Situation habe ich dann sehr abstrahiert und auf Leinwand transformiert.

 

Tom Gully
"Leben auf der Straße"

"Ich bin keiner von den ruhigen, sondern einer der da immer sehr, sehr Steil geht."

L: Was machst du, wenn du nicht gerade malst? Womit beschäftigst du dich?

T: Musik ist neben der Kunst ein sehr, sehr großer Teil meines Lebens. Ich spiele viele verschiedene Instrumente und habe da auch einen großen Drang, ich schreibe Lieder. Eine weitere Vorliebe von mir: Reptilien, ich habe eine Schlange und Gekkos . Und ich bin ein sehr unternehmensfreudiger Mensch, ich bin immer unterwegs, mache was mit Freunden und bin feiern. Das ist auf jeden Fall auch ein Teil meines Lifestyles, ich bin keiner von den ruhigen, sondern einer, der da immer sehr, sehr steil geht.

Welche Erfahrung hast du mit Studierenden Kunstmarkt gemacht?

T: Ich finde es ist eine coole Plattform, die Künstlern Chancen gibt, sich über eine gewisse Reichweite zu zeigen. Vor allem wenn man noch keinen Namen hat ist das super wichtig, da man sonst ja auch nicht auffällt. Deswegen finde ich den Gedanken von Studierenden Kunstmarkt mega schön.

Alle Werke von Tom Gully gibt es hier.

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