Frankfurter Allgemeine Zeitung

Die Plattform "Studentenkunstmarkt" will junge Künstler beim Start in die Karriere online unterstützen

Als im vorigen Jahr viele Kunsthochschulen und -akademien ihre Rundgänge und Jahresausstellungen wegen der Pandemie absagen oder ins Digitale verlagern mussten, war die Sorge bei den Kunststudenten in Deutschland groß: wie den Zugang zu einem Kunstmarkt finden, der nicht zuletzt auf der Entdeckung bei solchen Veranstaltungen und dem dabei aufgebauten Vertrauen basiert? Die Idee von Erich Reich für einen „Studentenkunstmarkt“ – eine Internetplattform für Kunststudenten also – füllte genau zu diesem Zeitpunkt die Lücke, die sich bei vielen jungen Künstlern am Beginn ihrer Karriere aufgetan hatte. Mit diesem Online-Marktplatz für Arbeiten aus den Kunsthochschulen hat er eine Möglichkeit für die Studierenden geschaffen, ihre Werke online und ohne hohe Provision anbieten zu können. Seither hilft das Geschäftsmodell nicht wenigen jungen Künstlern durch die Krise.

Der 27 Jahre alte Reich, der in Bremen geboren wurde und derzeit in Leipzig Betriebswirtschaft studiert, stammt selbst aus einer Künstlerfamilie. Seine Großmutter war Glasmalerin, sein Vater ist Steinbildhauer, und sein Großvater war in der Schweiz mit einer Galerie im Kunstmarkt tätig. Auf die Idee zur studentischen Kunst-Plattform hat ihn sein Bruder gebracht, der bildende Kunst studiert. „Es war mein Ziel, jedem die Möglichkeit zu geben, seine Kunst zu präsentieren und online zu verkaufen“, sagt Reich aus seinem kleinen Leipziger Büro. Zu Beginn, im Jahr 2019, hat sich das Angebot insbesondere an Studenten der sächsischen Kunsthochschulen gerichtet. Einige Monate später sind die Universität der Künste und die Kunsthochschule Weißensee in Berlin hinzugekommen. Reich ist durch weitere Ateliers und Akademien gereist und hat Mitstreiter gesucht. Besonders am Anfang waren viele Erklärungen notwendig: Es sei eine Hürde gewesen, Kunststudenten für das Projekt zu begeistern, sagt er. Viele waren skeptisch, vor allem weil es die Galerien als Vermittler von Kunst prinzipiell obsolet machen würde. Sobald das erste Bild verkauft gewesen sei, habe sich die Idee aber über die Kunsthochschulen herumgesprochen. Mittlerweile hat der Studentenkunstmarkt 170 Künstlerinnen und Künstler aus Deutschland im Portfolio, daneben auch aus Österreich, der Schweiz, Polen, Tschechien und den Niederlanden.

Mehr als 1700 Arbeiten befinden sich auf der Plattform, auf der seit dem ersten Lockdown im Schnitt ein Kunstwerk pro Tag veräußert wird. Wichtig für Reich ist, dass jeder die Chance bekommen soll, seine Werke auszustellen; im Angebot sind Malerei, Fotografie und Skulpturen: „Wir wollen eine möglichst niedrige Einstiegsschwelle schaffen. Es geht uns nicht um die Mappe oder die vorherige Erfahrungen mit Galerien.“ Auch deswegen nutzt die Plattform die sozialen Medien. Allein auf Instagram haben Reich und sein Team mehr als 14 000 Follower. Täglich produzieren sie dort oder auf Facebook Storys und stellen mindestens einen jungen unbekannten Künstler vor. „Wir wollen mit dem Studentenkunstmarkt einen Vorteil gegenüber herkömmlichen Galerien schaffen“, sagt Reich. Während Galerien gerade bei jüngeren und unbekannteren Künstlern oft höhere Provisionen für die Vermittlung nehmen, zeichnet sich sein Projekt durch eine geringe Provision aus, die auch nur dann fällig wird, wenn eine Arbeit tatsächlich verkauft wurde. Die angebotenen Werke bewegen sich alle im mittleren Preissegment bis etwa 5000 Euro.

Franziska Schell, die im dritten Semester in München studiert, hat rund zehn Gemälde auf die Plattform zum Verkauf gestellt. Es sind expressive Acryllandschaften und abstrakte Aktstudien. Seit dem Start 2019 konnte sie immer wieder Arbeiten verkaufen. „Es ist eine gute Möglichkeit, die eigene Kunst sichtbarer zu machen, auch über Galerien hinaus“, sagt sie. Ähnlich sieht es Stella Guzmán Schikora, die 1998 in Mexiko geboren wurde und seit 2019 an der Alanus Hochschule bei Bonn Kunst studiert. Ihre Porträts und Landschaften kosten zwischen 300 und 600 Euro. Auch sie schätzt das Netzwerk der Plattform: „Der Studentenkunstmarkt hilft mir bei der Vernetzung mit Käufern und anderen Künstlern und ist zugleich eine Inspirationsquelle.“

Bei der Käuferschaft zeigt sich für Reich ein durchmischtes Bild; junge Kunstsammler, die ungewöhnliche und noch unbekannte Positionen erwerben wollten, seien die Hauptzielgruppe. Doch auch traditionelle Sammler sind auf die Plattform aufmerksam geworden. Sein Credo sei es jedenfalls, qualitativ hochwertige Kunst anzubieten. Dennoch glaubt er nicht, dass der Studentenkunstmarkt, trotz des Erfolgs in der Pandemie, die analogen Rundgänge der Kunsthochschulen ersetzen kann; zeitgenössische Kunst basiere eben auf Vertrauen und dem realem Kontakt. Deshalb will Reich das Angebot des Studentenkunstmarkts weiter ausbauen und besonders in seiner Heimatstadt Leipzig auch mit Galerien kooperieren: Das funktioniere bisher gut, rund zehn der gezeigten Künstler wurden 2020 von Galerien angeworben.

Derzeit organisiert Reich die erste Live-Ausstellung des Studentenkunstmarkt in den Pittlerwerken in Leipzig. Rund zwanzig Künstler will er dort vom 16. bis zum 19. September zeigen. Das sei ein weiterer Schritt für junge Kunststudenten, ihre Werke ohne großen Aufwand einem breiten Publikum zu präsentieren, sagt er. Doch Erich Reichs Traum ist größer: Ein soziales Netzwerk junger Künstler will er knüpfen, das sie an Galerien, Stipendiengeber und Residenzen vermittelt und ihnen so einen Weg in den deutschen Kunstmarkt bahnt. (https://studenten-kunstmarkt.de/) KEVIN HANSCHKE

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